Zurück den Anfängen: Ein Besuch in der Erstaufnahmestlle in Nostorf/ Horst

Gestern haben einige Unterstützer*innen von ROSTOCK HILFT die Erstaufnahmestelle (EAS) in Nostorf/ Horst besucht. Mit Kuscheltieren für die kleinen Bewohner*innen und einem Beratungsangebot erinnerten wir an die Anfänge von ROSTOCK HILFT: In Kontakt mit den Asylsuchenden zu kommen, die gerade Deutschland erreicht haben, und zu sehen, wo und wie sie Hilfe benötigen. Ein Bericht vom Leben und dem Besuch in Horst.

Die Erstaufnahmestelle Nostorf/ Horst liegt still im Wald. Seltsam still, denn hier leben mehrere hundert Menschen in einer alten Kaserne. Menschen aus Afghanistan, Ghana, Somalia, Ägypten und vielen anderen Ländern. Sie leben hier, weil sie in Deutschland Asyl beantragen. Sie leben hier teilweise schon mehrere Monate, ohne Aussicht diesen Ort verlassen zu können. Die Stimmung hier – sie ist so anders als die Anfänge in 2015 am Rostocker Bahnhof, am Fährhafen und in der Jägerbek.

Horst ist ein trister Ort. Das Leben in diesem „Heim“, wie viele Asylsuchende sagen, ist schwer, weil es bedeutet: Isoliert zu leben. Kaum Anbindung an Städte, an Rechtsberatung, an Unterstützungs-Gruppen. Das Leben dort bedeutet: Auf das menschliche Existenzminimum reduziert zu werden: 135€ „Taschengeld“ im Monat. Das Essen darf nicht selbst gekocht werden, jeden Tag dieselbe Auswahl in der Kantine. Medizinische Versorgung nur im äußersten Notfall. In einer Erstaufnahmestellen wohnen, heißt: Du bist nie allein, es gibt keine Rückzugsorte oder Privatsphäre. Ein Leben, wie wir es uns nicht vorstellen können.

In Gesprächen mit den Asylsuchenden, die zu unserem Infostand vor dem Gelände kommen, wird all dies deutlich: Die psychische Belastung des Heimlebens – viel zu viele Menschen mit viel zu wenig Platz. Streit und Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung. Die Essensversorgung ist belastend: Immer das Gleiche, tagaus, tagein.

Es gibt einige Unterstützer*innen in der Umgebung. Im nahe gelegenen Boizenburg bieten Ehrenamtliche regelmäßig Deutschkurse an und kommen ab und an zu Besuch. Doch das Engagement in der Kleinstadt kann nicht den Bedarf von mehreren hundert Leuten decken. Und es ist schwierig nach Boizenburg zu gelangen. Die Busse fahren selten, am Wochenende gar nicht. Der eineinhalbstündige Fußweg ist eigentlich nur für junge Menschen ohne Kinder vorstellbar. Deutsch-Kurse besuchen ist ebenso Luxus wie eine Beratung bei einem Anwalt für Asylrecht (2,10€ nach Boizenburg, 23€ nach Hamburg/ Schwerin und 2,10€ zurück + 150€ Erstberatung + folgende Kosten. Angesichts 135€ monatlich, die zur Verfügung stehen).

Die Frage drängt sich auf: Warum sind wir nicht öfter hier? Zu Beginn von ROSTOCK HILFT war es ganz klar: Wir gehen da hin, wo die Geflüchteten sind. Wir versuchen sie zu unterstützen und herauszufinden, was benötigt wird. Wie kommt es, dass wir erst jetzt, heute, hier in Horst stehen? Der Weg ist weit (über zwei Stunden Fahrt von Rostock). Und die Geflüchteten sind so weit von uns entfernt, wie es die neuen Gesetze nur ermöglichen. Räumlich und lebensweltlich.

Diejenigen, die hier Dublin-Ablehnungen haben, werden nicht mehr in Städte oder die Kommunen „umverteilt“ (ein scheußliches Wort, handelt es sich doch nicht um Gegenstände, sondern Menschen). Sie werden direkt aus der Erstaufnahmestelle heraus abgeschoben. Grundlage ist ein Gesetz von 2016. Teil des „Managments“ der „Flüchtlingskrise“ durch Mama Merkel. Die Chance auf Unterstützung sinkt. Die Möglichkeiten der Kontrolle steigen.

Die Dublin-Verordnung besagt, dass jeder Flüchtling nur einen Asylantrag in Europa stellen darf. Wer hats erfunden? Die zentral-europäischen Länder. In der Praxis heißt das: Die Länder an den Außengrenzen werden unverhältnismäßig stark belastet. Die deutsche Bundesregierung kann sich präsentieren als hätte sie „alles im Griff“. Keine überfüllten Notunterkünfte in Turnhallen mehr – während die Menschen in den Camps in Griechenland erfrieren. Keine Sorge um „Bürgerproteste“ vor der örtlichen Unterkunft – während Flüchtlinge in Ungarn gleich ins Gefängnis gehen. Keine nervtötenden Debatten um die Wahrung der Menschenrechte durch Deutschland – denn wer aus Norwegen oder Schweden nach Afghanistan oder Somalia abgeschoben wird, fällt nicht mehr in unseren Verantwortungsbereich.

Dublin ist ein Graus. Und Deutschlands Position darin ist beschämend: Deutschland sollte in den vergangenen zwei Jahren etwa 27.000 Asylsuchende aus Italien und Griechenland aufnehmen, im Rahmen des sogenannten „Relocation“-Programms. Dieses Programm ist die Verschriftlichung der Erkenntnis, dass Dublin nur funktioniert, wenn eine menschenwürdige Behandlung als Kriterium für die Burteilung nicht angelegt wird. Wie viele Menschen hat Deutschland 2016/2017 im Rahmen der Relocation aufgenommen? 1744. Während Tausende zurück abgeschoben wurden.

Logik? Maßnahme zur Verschwendung von Geld? Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Schlepper? Wer weiß.

Wir sind auch nach Horst gefahren wegen eines europaweiten Aktionstages gegen Rassismus, Faschismus und Austerität. Der Tag fand am 18. März, genau ein Jahr nach Abschluss des EU-Türkei-Deals statt. Der Deal, der nach der Schließung der Balkan-Route das wirksamste Mittel war, um die Geflüchteten von Europa fern zu halten.

ROSTOCK HILFT geht zurück zu seinen Anfängen: Zu den ankommenden Asylsuchenden. Wir möchten auch in den kommenden Monaten regelmäßig Horst besuchen. Wir freuen uns über Leute, die sich anschließen wollen. Denn neben Beratung könnten wir noch viel mehr mitnehmen: Kleiderspenden, Bastelei und Spaß für die Kinder, Kaffee und Kuchen. Bringt euch ein! Schreibt uns eure Ideen und kontaktiert uns, wenn ihr mit kommen möchtet! REFUGEES WECLOME!

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